Historisches Wochenende mit Oldtimertreffen und Wettbewerb für Handdruck-Feuerspritzen

Rundhauber, Langhauber, Eckhauber – diese Bezeichnungen lassen die Herzen von Liebhabern historischer Feuerwehrfahrzeuge deutlich höher schlagen. Ausreichend Gelegenheit zur Besichtigung der altgedienten Oldtimer gab es am ersten Juniwochenende anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg, die in diesem Jahr in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) stattfinden. Harald Pflüger, Fachgebietsleiter für Brandschutzgeschichte im Landesfeuerwehrverband, hatte zum 9. Landesoldtimertreffen in seine Heimatstadt geladen, in der er bis vor einem knappen Jahr noch als Feuerwehrkommandant tätig war. Ein Amt, das Pflüger immerhin 30 Jahre lang innehatte.

Doch ein Pflüger ganz ohne Feuerwehr, das funktioniert nun einmal nicht. Als Vorsitzender des Winnender Feuerwehrvereins wirkt er weiter, eine Aufgabe, die er wie bereits das Amt des Feuerwehrkommandanten von seinem Vater Helmut Pflüger übernommen hatte. Der Senior und engagierte Mitbegründer des bekannten Winnender Museums war im November 2018 im Alter von 89 Jahren verstorben.

120 Oldtimer hatten sich ursprünglich für das Oldtimertreffen anmelden wollen. Weit mehr, als in der historischen Altstadt Platz ist. Und so musste nach 95 Anmeldungen schmerzlich allen weiteren Interessierten abgesagt werden, berichtet Harald Pflüger.

Wertvolle Oldtimer-Schätze zu bestaunen
Bereits am Samstag zur Mittagszeit, dem ersten Tag der Veranstaltung, ist die Winnender Altstadt gut besucht, Jung und Alt bestaunen die betagten und auf Hochglanz polierten Einsatzfahrzeuge. Das älteste Fahrzeug ist ein KLF auf Basis Fort T, Baujahr 1920. Es war in Rotterdam im Einsatz und gehört einem privaten Sammler. Aus demselben Jahr stammt ein Garford-Pumper aus Sydney, Australien. Stolzer Besitzer ist das Feuerwehrmuseum Riedlingen.

Für den an der deutschen Feuerwehrgeschichte interessierten Besucher ist aber die Magirus-Kraftspritze KS 10 der Feuerwehr Engen aus dem Jahr 1923 weitaus interessanter. Sie befindet sich noch im Originalzustand, wurde nicht „zu Tode restauriert“, wie ein Fachmann kritisch urteilt. Die Kraftspritze vom Typ „Bayern“ kostete seinerzeit 23.000 Goldmark und ist auch heute noch voll funktionsfähig. Noch bis 1964 befand sich die KS 10 im Einsatz.

Einige wenige Fahrzeuge sind noch in der Farbe „Polizeigrün“ lackiert, etwa ein LF 8 von 1929, das im Winnender Feuerwehrmuseum steht, oder das Leiterfahrzeug LDL 17 des Feuerwehrvereins in Kirchheim/Teck, mit dem Helmut Eiting und seine Kameraden angereist sind. Nach dem Reichserlass von 1937 verlieren die Feuerwehren ihre Selbstständigkeit, sie werden der Polizei unterstellt und fungieren fortan als Hilfspolizei im „Dritten Reich“. Die bis dahin roten Feuerwehrfahrzeuge müssen nun grün-schwarz lackiert werden. Auch dieses düstere Kapitel wird beim Landesoldtimertreffen nicht ausgespart.

Auch Fahrzeuge aus dem Winnender Museum sind dabei
Die vermeintlich kürzeste Anfahrt zum Landestreffen hatte die Kraftfahrspritze KS 10 aus dem Jahr 1925, Fahrgestell und Aufbau von Benz Gaggenau. Sie steht gewissermaßen „um die Ecke“, im Winnender Feuerwehrmuseum. Das Fahrzeug war als Überlandfeuerspritze im Bereich von Vaihingen a.F. (ab 1942 Stadtteil von Stuttgart) im Einsatz. 1947 übernahm es die Werkfeuerwehr Salamander in Kornwestheim, die das mit 40 PS motorisierte Fahrzeug 1966 ausmusterte. 1991 gelangte es über Umwege zur Feuerwehr Winnenden, die das Schmuckstück zwischen 1996 und 2007 liebevoll restaurierte.

Am frühen Samstagnachmittag begibt sich die betagte Entourage auf „Werbefahrt“ durch Winnenden und seine Vororte. Doch nicht alle Oldtimer fahren im Corso mit. Rolf Rothmund, Ehrenkommandant der Feuerwehr Ehingen / Donau und sein Kamerad Norbert Ruoß gönnen ihrer Magirus-Kraftfahrspritze KS-15 TS bei den hochsommerlichen Temperaturen eine Pause in der schattigen Winnender Marktstraße. Immerhin stammt die betagte Dame aus dem Jahr 1935. „Sie war nie auf polizeigrün umlackiert“, berichtet Rothmund über den Reichserlass von 1937.

Im Jahr 1980 wurde das Schätzchen Grundrestauriert – für die Hochzeit eines Kameraden. Ein Sponsor aus dem Ort unterstützte die technisch aufwändige Aktion. Während des 2. Weltkriegs war die KS-15 TS zeitweise in Ulm und in Urach im Einsatz. In weitaus friedlicheren Zeiten, bis zum Jahr 1965, verrichtete sie in Ehingen ihren Dienst. Rolf Rothmund, der 1957 zur Ehinger Feuerwehr kam, kann sich noch an Einsätze mit der Kraftfahrspritze erinnern.

Ersatzteile sind oft das Problem
Erst 11.732 Kilometer hat der Motor auf dem betagten Buckel – Stand heute. Alles sei noch Original, erzählt Norbert Ruoß: „Nur die Reifen wurden vor etwa zehn Jahren getauscht“. Und ein Stück Blech auf dem rechten, hinteren Radkasten, schiebt er geständig nach. Rund 2.000 Euro hätten die Reifen gekostet. Die stammen aus Polen. Ersatzteile seien überhaupt das Problem, erzählen die beiden: „Vieles bekommt man noch in Südamerika“. Manches müsse einfach in mühevoller Handarbeit hergestellt werden.

Die Fahrzeugpumpe sei auch heute „immer noch voll funktionsfähig“, berichten Rothmund und Ruoß stolz. Die heckseitig eingeschobene Tragkraftspritze ist ein Jahr jünger als das Fahrzeug. Sie stammt aus dem Jahr 1936, fördert bei 2.800 Umdrehungen und einer maximalen Förderhöhe von 7,5 Metern 800 Liter pro Minute.

Zahlreiche Prominente haben die Kraftspritze der Ehinger schon bestaunt
Rolf Rothmund zückt eines seiner „Gästebücher“, wie er die mitgeführten Fotoalben nennt. 2010, beim Deutschen Feuerwehrtag in Leipzig, hat die Bundeskanzlerin unterschrieben. Die gibt normalerweise keine Autogramme, weiß Oldtimerfreund Rothmund zu berichten, aber der Kraftfahrspritze wünscht sie „Alles Gute! – Angela Merkel“. Auch Rennfahrer Jochen Maaß hat den roten Boliden schon bestaunt. Lothar Späth und Helmut Kohl reihen sich neben anderen im Album ein. Der neueste Eintrag in Winnenden stammt von Rainer Wieland, dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, der sich wie der Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Landrat Dr. Richard Sigel unter den interessierten Zuschauern beim Handdruckspritzenwettbewerb befindet.

Blattgold beim LF 12 aus Herrenberg
Ein besonderes, messingstrahlendes Kleinod ist auch das Löschgruppenfahrzeug LF 12 der Feuerwehr Herrenberg. 1931 bei Daimler Benz in Gaggenau gebaut, wird es 1932 als Bezirksfeuerspritze in Dienst gestellt und ist nun eine der Attraktionen beim Landesoldtimertreffen. Karl Hörrmann und seine Kameraden Rudolf „Lupo“ Wolf und Josef Peidl wissen zu berichten, dass ihr Fahrzeug bis 1958 seinen Dienst verrichtete und 1970 erstmals restauriert wurde.

60 PS leistet der Motor, was für die 8 Mann Besatzung eine Höchstgeschwindigkeit von 55 Kilometer pro Stunde ergibt – bei einem geschätzten Verbrauch von immerhin 25 Litern auf hundert Kilometer. Regnen darf es nicht: das offene Fahrzeug hat kein Dach, was laut Karl Hörrmann dazu beigetragen hat, dass das Fahrzeug im „Dritten Reich“ nicht auf Polizeigrün umlackiert werden musste. Diese Regelung aus dem Jahr 1937 betraf nämlich nur Fahrzeuge mit Dach.

Über 2.500 Arbeitsstunden stecken in der liebevollen und aufwändigen Restaurierung des Fahrzeugs, dessen Pumpe noch immer betriebsbereit ist und 1.200 Liter in der Minute fördern kann. Die im Heck eingeschobene zweizylindrige Goliath-Tragkraftspritze aus dem Hause Magirus funktioniert allerdings nicht mehr. Besonderheit ist die Blattgoldauflage von Wappen und Schrift an den Fahrzeugtüren, was sich ganz bestimmt auf den Beschaffungspreis von einst 7.000 Reichsmark ausgewirkt hat.

Historische Übung: „Durch der Hände langer Kette…“
…um die Wette fliegt der Eimer, hoch im Bogen spritzen Quellen, Wasserwogen! So beschreibt Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ die Löschtechniken in früheren Jahrhunderten. Brände löschen war Bürgerpflicht! Auch vom oftmaligen Misserfolg solcher unkoordinierten Aktionen berichtet uns Schiller wenige Zeilen später: „Hoffnungslos weicht der Mensch der Götterstärke – müßig sieht er seine Werke und bewundernd untergehen“.

Grund genug für unsere Vorfahren, im 19. Jahrhundert speziell ausgebildete Löschmannschaften aufzustellen. In Winnenden entstand schon früh eine der ersten Freiwilligen Feuerwehren im Königreich Württemberg: 1850 fanden sich mutige Bürger zusammen, um die Stadt künftig vor Schadensfeuern zu bewahren. Das war zweifelsohne auch notwendig: 1693 brannte Winnenden bei einem verheerenden Stadtbrand bis auf die Grundmauern nieder, auch Städte in unmittelbarer Nachbarschaft wurden bis dahin immer wieder ein Opfer der Flammen (Schorndorf 1743, Waiblingen 1771).

Das Rathaus brennt!
Karl Hermann, der frühere Vizepräsident im Landesfeuerwehrverband, führt als Kommentator der historischen Schauübung am alten Winnender Rathaus die zahlreichen Zuschauer sachkundig und mitunter augenzwinkernd durch die Brandschutzgeschichte. Angefangen beim einfachen Löschaufbau mit der Eimerkette über pferdebespannte Feuerspritzen, einer vom Traktor gezogenen Tragkraftspritze bis zum motorbetriebenen Drehleiter-Oldtimer aus dem Jahr 1929 ist nacheinander alles in originaler Löschtechnik dabei, was das Herz des an der Feuerwehrhistorie Interessierten begehrt.

Und da Löschen früher „Bürgerpflicht“ war, rekrutiert der Spritzenmeister Teile seiner Löschmannschaft direkt aus dem Publikum, drückt den erstaunten Zuschauern historische Löscheimer in die Hand. Los geht die Eimerkette, schnell wird’s feucht, weil nicht alles so gelingt, wie es sein müsste. Das Publikum hat seine helle Freude.

Zuerst wird die Stadtkasse gerettet
Dann plötzlich: die Lage spitzt sich zu, aus dem Winnender Rathauses dringen Hilferufe. „Da oben steht der Bürgermeister“, ruft Karl Hermann ins Mikrofon. Die Köpfe der Zuschauer drehen sich zum Rathaus, aus dessen Fenster im Obergeschoss dichter Qualm dringt. Doch der Mann mit dem roten Rosshaarbusch, welcher ihn als Kommandant ausweist, denkt zunächst gar nicht daran, den Bürgermeister retten zu lassen. Als erstes ist die Stadtkasse dran, die in das ausgebreitete Sprungtuch geworfen wird und hernach ihren kostbaren Inhalt auf den Vorplatz des Rathauses verteilt. Die Stadtkasse besteht aus Schokotalern, die die Kinder im Publikum fleißig einsammeln. Solange muss der Schultes eben auf seine Rettung warten.

Historischer Handdruckspritzen-Wettbewerb
Ein besonderes Spektakel für die Zuschauer war der 29. Wettbewerb für Handdruckspritzen. Insgesamt acht Teams traten mit ihren historischen Feuerspritzen auf dem Winnender Marktplatz gegeneinander an, darunter die Löschmannschaften aus Mirchel in der Schweiz, Lorsch in Hessen oder die Feuerwehrkameraden aus Spremberg-Terpe in der brandenburgischen Lausitz.

Schiedsrichter bewerten dabei unterschiedliche Kriterien, wie die innerhalb einer Zeitvorgabe von vier Minuten umgesetzte Wassermenge und die Spritzweite. Auch der Zustand der Spritzen und die historische Bekleidung der Löschmannschaften spielt eine Rolle bei der Bewertung.

Sieger wurde die Löschgruppe aus Eppingen, die mit einer von Carl Metz im Jahr 1847 gebauten Spritze antraten – nebenbei der ältesten im Wettbewerb. Den zweiten Platz belegten die Kameraden aus Orsingen-Nenzingen (1899, Blersch Überlingen), dritter wurden die Spritzenmänner aus Lorsch (1882, Carl Metz). Die Sieger erhielten ein Weinpräsent aus dem Weingut des Schirmherrn, Markgraf Max von Baden.